Thüringer Waldzither/Cister "Sängerfreud" restaurieren?

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Stratitis
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Thüringer Waldzither/Cister "Sängerfreud" restaurieren?

#1

Beitrag von Stratitis » 09.03.2018, 10:53

Hallo,
bin kürzlich in den Besitz einer Waldzither gekommen.
https://de.wikipedia.org/wiki/Waldzither
War ziemlich günstig und ich konnte wieder mal nicht nein sagen... ;)

Der Zustand ist leider nicht so gut: mehrere Trocknungsrisse in der Decke und im gewölbten Boden, loser Saitenhalter am Instrumentenfuß, loser Steg.

Diese hier aus den 1930er-Jahren ist meinem Instument ziemlich ähnlich (erster Treffer von Bildersuche Google "Waldzither"):

Bild

Und nun mein Instrument:
Fragen:

Wie kann man die Risse sinnvoll schließen (z.t. >2mm, am Boden)?

Der Saitenhalter am Instrumentenfuß war komplett lose, die Nägelchen ließen sich mit den Fingern herausziehen.
Da sich der Saitenhalter auch nicht in der Verlängerung der Halsachse befand, möchte ich ihn ein paar mm versetzen.
Sollte ich die Nägelchen wieder verwenden (dazu eventuell vorbohren, um die Zarge nicht zu spalten?) oder besser kleine Holzschräubchen benutzen?

Am gewölbten Boden haben sich etwa 2-3 der Lamellen von der Zarge gelöst (sieht man auf dem letzten Bild). Selbst mit relativ viel Handkraft läßt sich der Spalt nicht schließen. Ist es sinnvoll, hier mit mehr Kraft (Zwinge?) beim Verleimen/Kleben nachzuhelfen, auf die Gefahr hin, durch die derart verspannte Bodenlamellen an anderer Stelle Risse zu provozieren? Kann man das Holz der Lamellen irgendwie "weich" machen, um so mit weniger Verspannungen die Original-Form wieder herstellen zu können?

Welche Klebstoffe würde ihr zum Verkleben/Verleimen der schmaleren Risse verwenden?
Und was zum Auffüllen/Verkleben der größeren Risse?

Der Steg ist komplett lose und wird nur durch die Saitenspannung auf die Decke gedrückt.
Ist das normal, bzw. muß das so sein?

Die Achse der Stimm-Mechanik der 4. Saite ist am Wirbel etwas verbogen (siehe Bild).
Geradebiegen (und Bruch riskieren) oder besser so krumm lassen?

Würde mich sehr freuen, wenn mir hier jemand weiter helfen könnte...

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Re: Thüringer Waldzither/Cister "Sängerfreud" restaurieren?

#2

Beitrag von gitarrenmacher » 09.03.2018, 11:50

Eine Reparaturanleitung kann ich dir leider nicht geben, außer:
Die Risse sollten ausgespant werden. Mit Gewalt zusammenpressen hilft da nichts. Wie du schon vermutet hast, ist das nicht von Dauer. Den Dekospiegel vorm Schalloch würde ich mit Fischleim vollaufen lassen, oder eventuell FL. mit einer Spritze unter die Einlagen bringen. Dann mit einer Auflage verpressen.
Der Steg MUSS lose sein.
Insgesammt ein wirtschaftlicher Totalschaden aber auch eine handwerkliche Herausforderung. Da kann man viel lernen.
Munterbleiben
Chrischan
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Stratitis
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Re: Thüringer Waldzither/Cister "Sängerfreud" restaurieren?

#3

Beitrag von Stratitis » 09.03.2018, 11:56

Danke für Deine Antwort.

Unter "Ausspanen" verstehst Du das Einsetzen eines angepaßten schmalen Holzstreifens?
Das käme dann sicher nur bei den Rissen am Boden zum Einsatz.

Die Risse rund um das Schalloch sind im Bereich von 1mm und darunter, und dazu noch in 2-lagigem Holz, also versetzt zueinander.
Ich dachte kurz an Auffüllen mit 2-Komponentenkleber. Wäre das vielleicht machbar und sinnvoll?

Welche Lacke wurden damals (1930 +/- x) verwendet?

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Re: Thüringer Waldzither/Cister "Sängerfreud" restaurieren?

#4

Beitrag von capricky » 09.03.2018, 12:24

Die ist doch wie neu! 8)
Ich bekomme ständig üblere Exemplare auf den Tisch (Mandolinen, gleiche Bauform). Den Deckenriss musst Du ausspanen, das wurde bereits gesagt. Die Bodenstreifen wieder an die Zarge leimen (mit Fischleim, toleriert auch alte Leimreste. Dann bei Bearf die Spalten zwischen den Bodenstreifen ebenfalls auspanen, Materiallieferant könnte eine Schrottmandoline sein (Flohmarkt, Kleinanzeigen).
Die Spalten der Schalllochverzierung mit schwarzem Hartwachs oder schwarzen Schelllack (zum Einschmelzen) verspachteln.
Das Instrument stammt eher aus den 50er Jahren und es wurde da Nitro- oder Schelllack gespritzt. Hier sieht es nach Nitrolack aus.

capricky

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Re: Thüringer Waldzither/Cister "Sängerfreud" restaurieren?

#5

Beitrag von Stratitis » 09.03.2018, 13:08

capricky hat geschrieben:
09.03.2018, 12:24
Die ist doch wie neu! 8)
Ja, genau! :D
capricky hat geschrieben:
09.03.2018, 12:24
Den Deckenriss musst Du ausspanen, das wurde bereits gesagt.
Der Längsriß in der Decke ist nur einige Zehntel mm breit, kann mir nicht vorstellen da einen Span reinzubekommen.
capricky hat geschrieben:
09.03.2018, 12:24
Die Bodenstreifen wieder an die Zarge leimen (mit Fischleim, toleriert auch alte Leimreste. Dann bei Bedarf die Spalten zwischen den Bodenstreifen ebenfalls auspanen.
Den Spalt (z.T. > 2mm) bekomme ich ohne Gewalt nicht zusammengedrückt. Dann also ausspanen.
capricky hat geschrieben:
09.03.2018, 12:24
Materiallieferant könnte eine Schrottmandoline sein (Flohmarkt, Kleinanzeigen).
Ist das Fichte? Dann würde ich mir das eher woanders holen (z.B. Schreinerei oder Instrumentenbauer).
capricky hat geschrieben:
09.03.2018, 12:24
Die Spalten der Schalllochverzierung mit schwarzem Hartwachs oder schwarzen Schelllack (zum Einschmelzen) verspachteln.
An einem der Schallochrisse ist die Decke knapp 1/2 mm verzogen (nicht in einer Ebene mit der Decke).
Daher hatte ich die Idee den Riß mit 2-Komponentenkleber aufzufüllen und dann unter zwischenlage einer Trennfolie plan gegen eine gerade Leiste o.ä. zu spannen, bis der Kleber ausgehärtet ist.
Was hältst Du davon?
capricky hat geschrieben:
09.03.2018, 12:24
Das Instrument stammt eher aus den 50er Jahren und es wurde da Nitro- oder Schelllack gespritzt. Hier sieht es nach Nitrolack aus.
Danke für die Info!

Wie bekomme ich die Kratzer in der Decke weg?
Komplett abschleifen und denn neu lackieren?
Oder nur die Kratzer auspinseln und nach der Trocknung überschleifen und polieren?

Wo bekomme ich Fischleim in Kleinstmengen?
Geht auch normaler Holzleim?

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Re: Thüringer Waldzither/Cister "Sängerfreud" restaurieren?

#6

Beitrag von Stratitis » 09.03.2018, 23:11

Habe eben diese unglaublichen Videos auf Youtube gefunden:

https://www.youtube.com/watch?v=tB8tELj43RE
https://www.youtube.com/watch?v=bWcGdWFiv4M

Nach der "Wiederbefeuchtung" der Gitarre haben sich die Risse komplett geschlossen und konnten geleimt werden.

Funktioniert das wirklich?

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Re: Thüringer Waldzither/Cister "Sängerfreud" restaurieren?

#7

Beitrag von Sven2 » 10.03.2018, 00:08

Jetzt hab ich doch glatt "Sägefreund" gelesen...

Sven

Der Sängerchor trinkt Bier vom Fass,
benebelt sind schon vier vom Bass.

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Re: Thüringer Waldzither/Cister "Sängerfreud" restaurieren?

#8

Beitrag von Stratitis » 10.03.2018, 00:11

Sven2 hat geschrieben:
10.03.2018, 00:08
Jetzt hab ich doch glatt "Sägefreund" gelesen...
:D

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Re: Thüringer Waldzither/Cister "Sängerfreud" restaurieren?

#9

Beitrag von wasduwolle » 10.03.2018, 08:36

:D
+1
Ging mir auch so

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Re: Thüringer Waldzither/Cister "Sängerfreud" restaurieren?

#10

Beitrag von Stratitis » 10.03.2018, 12:47

Hat sich jemand die verlinkten Videos angesehen?
Meinungen dazu?
Funktioniert das, oder will da nur jemand seine Befeuchter verkaufen?

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Re: Thüringer Waldzither/Cister "Sängerfreud" restaurieren?

#11

Beitrag von Stratitis » 19.03.2018, 07:39

So, nach 4 Tagen in der Alutruhe zusammen mit feuchtem Lappen (und Wasserglas als Reservoir) bei ca. 80% rF, hat sich der lange Riß in der Decke geschlossen. Die anderen Risse sehen nahezu unverändert aus. Wenn es jemand interessiert kann ich Bilder posten.

Jetzt brauche ich nur noch Fischleim...


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Re: Thüringer Waldzither/Cister "Sängerfreud" restaurieren?

#13

Beitrag von Stratitis » 19.03.2018, 19:37

Danke für die Rückmeldung.
Um das Ausspanen komme ich am Boden vermutlich nicht herum, da hat sich bis jetzt ja nicht viel getan.

Wie bekomme ich denn jetzt den Leim vollständig in die jetzt schon geschlossenen Risse?
Habe da so eine Methode mit Saugnapf gesehen. Leim auf den Riß "drauflegen" und dann mit dem Saugnapf verteilen und mehrfach versuchen, dem Leim seitlich vom Saugnapf in die Fuge reinzuziehen.
Vielleicht noch in Verbindung mit schwankendem Druck auf die Decke (Durchbiegung), um den Spalt zu öffnen und zu schließen, und so Leim reinzusaugen?

Wie viele "Holzflicken" soll ich denn da von innen gegenkleben?
Durch das enge Schalloch kommt man ja relativ schlecht von innen an die Stelle, anschleifen etc. wird da schwierig...
Vielleicht mit der Methode "Saite mit Stimmechanik, die den Flicken von innen an die (dort dünn durchbohrte) Decke drücken"?

Was hat es mit dem Finger waschen auf sich (mal davon abgesehen. daß man sowieso nicht mit Dreckfingern arbeiten sollte)?


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Re: Thüringer Waldzither/Cister "Sängerfreud" restaurieren?

#15

Beitrag von Stratitis » 20.03.2018, 00:44

Danke für Deine ausführliche Antwort.
Ja, der jetzige Zustand hat sich über Jahre (oder Jahrzehnte) falscher Lagerung (Dachboden?) beim Vorbesitzer entwickelt.
Deshalb bin ich auch überrascht, daß sich da nach wenigen Tagen Feuchteeinwirkung schon ein Teilerfolg gezeigt hat.
Ich hoffe nur, daß die geklebten Risse dann nicht bei normaler Luftfeuchte wieder aufreißen.
Schraubzwingen habe ich verschiedene, muß mal sehen, welche da passen könnten.

Übrigens gute Idee mit den Plexiglas-Leisten!

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Re: Thüringer Waldzither/Cister "Sängerfreud" restaurieren?

#16

Beitrag von Stratitis » 01.04.2018, 13:26

Wollte euch das Ergebnis nicht vorenthalten:
Den Lack werde ich eventuell später noch überarbeiten.

Und nochmals danke für eure Hilfe!

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Re: Thüringer Waldzither/Cister "Sängerfreud" restaurieren?

#17

Beitrag von Poldi » 01.04.2018, 13:35

Gut gemacht (clap3)

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Re: Thüringer Waldzither/Cister "Sängerfreud" restaurieren?

#18

Beitrag von Stratitis » 01.04.2018, 19:48

Was ich gelernt habe:
- Fischleim hält nicht auf Schellack (nach der Trocknung blätterte der dünne Fischleim-Film neben den geleimten Fugen teilweise von selbst wieder ab).
- Schellack ist ziemlich empfindlich (Kratzer, Alkohol, Fingernägel, Klebeband, Verspannungen im Untergrund...).
- Trocknendes Holz erzeugt hohe Zugkräfte (einige der geleimten Stellen sind teilweise wieder aufgegangen, hauptsächlich die, wo ich dachte auf eine zusätzlich angeleimte Beilage verzichten zu können).

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Re: Thüringer Waldzither/Cister "Sängerfreud" restaurieren?

#19

Beitrag von wasduwolle » 01.04.2018, 22:30

Sieht klasse aus, du hast den Charakter des Instrumentes erhalten, ohne dass es plötzlich zu neu wirkt!
(clap3) (clap3) (clap3)
Grüsse
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Re: Thüringer Waldzither/Cister "Sängerfreud" restaurieren?

#20

Beitrag von thoto » 02.04.2018, 19:33

Wow, das hätte ich nicht gedacht, dass die wieder so gut kommt! Gut gemacht! (clap3)
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Re: Thüringer Waldzither/Cister "Sängerfreud" restaurieren?

#21

Beitrag von Drifter » 02.04.2018, 19:39

Schön! Wirklich schön!

lG

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Re: Thüringer Waldzither/Cister "Sängerfreud" restaurieren?

#22

Beitrag von capricky » 04.04.2018, 18:52

Stratitis hat geschrieben:
01.04.2018, 19:48
Was ich gelernt habe:
- Fischleim hält nicht auf Schellack (nach der Trocknung blätterte der dünne Fischleim-Film neben den geleimten Fugen teilweise von selbst wieder ab).
Da widerspreche ich mal nicht sofort, sondern werde das nochmal testen. Ich hatte das ganz anders in Erinnerung. ;)

capricky

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